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Märchenhaft
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Märchen als Therapie (Sondereinband) Geschichten hört wohl jeder gern. Einige davon spielen besondere Rollen für uns und begleiten uns zeitlebens. Märchen gehören dazu und sind darüberhinaus ganz besondere Begleiter: Hier geht es um Problemsituationen und ihre Lösungen, die aus uralten Erzähltraditionen hervorgegangen sind und aufgrund dieses Auswahlprozesses Themen und Verhaltensweisen beschreiben, die viele Menschen interessieren. Es sind wundersame Wendungen möglich, es ist möglich, dem Druck der Realität auszuweichen, es gibt unverhoffte, märchenhafte Lösungen und die Identifikation mit den HeldInnen im Märchen gibt uns eine Idee davon, dass und wie die Probleme lösbar sein könnten. Das regt unsere Kreativität an, gibt uns Mut für die Zukunft, erleichtert uns das Loslassen des Vergangenen.
Verena Kast, Therapeutin und Analytikerin aus der Schule C. G. Jung, zeigt hier, was sie daraus in der Einzeltherapie und in der Gruppe macht, wie sie methodisch vorgeht und wie unter ihrer Führung in den beschriebenen Situationen Heilung gefunden werden konnte. In sechs Kapiteln erklärt sie die ihr wesentlichen Ausgangssituationen: die Rolle des Lieblingmärchens der Kindheit; die enge Identifikation mit einem Märchenhelden, die ein ganzes Leben bestimmen kann; die Verknüpfung mehrerer Motive aus den Märchen der Kindheit; die Arbeit mit Märchen in Selbsterfahrungsgruppen; Träume in Verbindung mit Märchen; und märchenhafte Möglichkeiten, das eigenen Schicksal zu beeinflussen. Sie stellt das Märchen, teils nach Hinweisen Ihrer KlientInnen, teils aus eigener Intuition, wie eine Frage in den Beziehungsraum zwischen sich und ihr Gegenüber oder in den Raum der Gruppe selbst und nützt das Märchen in nachfolgenden Imaginationsphasen wie einen Kristallisationskeim zur Entwicklung von Analogien, zur Projektion und zur Lösungsentwicklung.
Einen wesentlichen Teil der Schilderungen stellen Interpretationen dar, die sehr an analytische Traumdeutung erinnern. Die Autorin greift tief in die Schatzkiste der Mythologie, besetzt Symbole und Metaphern mit vorgegebenen Bedeutungen und leistet unter Verwendung eines klassisch-analytischen Repertoires fundierte tiefenpsychologische Analysearbeit. Ihre Beschreibung ist einfühlsam, in Detail- und Gesamtsicht gut dosiert und sie nimmt bei aller fachlichen Seriosität voll Rücksicht auf das Lesepublikum dieses Buches - immer verständlich, immer interessant und zum Mitdenken anregend. Es muss ein Vergnügen sein, sie als Lehrerin zu haben.
Zur systemisch-konstruktivistischen Sicht, wie ich sie aus der Coaching-Tätigkeit kenne und einnehme, aber auch zu Therapiekonzepten wie etwa Clean Language nach David Grove, stellt diese Methodik geradezu einen Gegenpol dar: das Märchen bildet ein vorgefertigtes Lösungsmodell und es unterliegt stark dem Einfluss der Therapeutin, was die KlientInnen daraus machen. Immerhin warnt Verena Kast mehrmals davor, diese Verhaltensweisen und Lösungen für bare Münze zu nehmen oder sie womöglich zur Flucht aus der Realität zu benützen. Gar nicht geht sie jedoch darauf ein, dass sie selbst mit ihrer eigenen (aus ihrer methodischen Sicht wohl einwandfreien) Interpretation permanent Einfluss nimmt, der kaum hinterfragt, geschweige denn offen diskutiert oder beiseite geschoben wird. Ihre Lösungsorientierung ist immer von eigenen Vorstellungen gefärbt und hängt am Handlungsfaden des Märchens. Es mag Fälle geben, in denen das eine angemessene Vorgangsweise ist - wie aber und vor allem wann erlangt man auf diesem Weg eigene Handlungskompetenz? Benötigt diese Therapieform gerade deswegen so lange Zeit, um Wirkung zu zeigen?
Es bleibt ein interessantes Buch und ein auch für andere methodische Ansätze durchaus anregend wirkendes Leseerlebnis.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 13. Dezember 2004 |