Am Seil. Roman (Gebundene Ausgabe)
von Thomas Lang


 
Rezensionen:
Als führte der Alte noch vom Krankenbett aus die Regie, misslingt schon die Annäherung gründlich. Kaum biegt der Sohn mit seiner Maschine auf den Parkplatz des Seniorenheims ein -- kippt das schwere Motorrad und erschlägt ihn fast. Gert, ehemaliger Fernsehmoderator, wegen eines sexuellen Übergriffs auf eine Mitarbeiterin entlassen, ist auf heikler Mission. Sein Leben war endgültig zum Katastrophengebiet geworden, als bei einem Autounfall (durch seine Schuld?) seine junge Geliebte getötet wurde und die Presse sich in gierigen Sensationsmeldungen schier überschlug. Nun, nach zehn Jahren und ohne recht zu wissen warum, arbeitet er sich durch schweißtreibend labyrintische Flure zum kranken Vater vor. Von dem er sich zeitlebens verachtet fühlte. Gert ahnt, was in dem abgedunkelten Zimmer auf ihn wartet.

Gert und Bert. Unüberbrückbare Kluft und späte Verschmelzung. Schuss?Gegenschuss. Der filmische Begriff des Perspektivwechsels darf hier durchaus wörtlich genommen werden. Den in wechselnden inneren Stimmen (erst gegen Ende werden sie hörbar) stattfindenden, uralten Kampf zwischen Vater und Sohn fand die Klagenfurter Jury so zwingend, dass sie Thomas Lang den Ingeborg-Bachmann-Preis 2005 zusprach. Gezielte Hiebe sind es, fein und mit Bedacht geführt, wie die demonstrative Hinwendung des Alten zur hübschen Schwester Bubi, während Gert, das unbeachtete Kleinkind, seiner ewigen Rolle entsprechend, verlegen im Zimmer steht. Prompt erfasst ihn klammheimliche Genugtuung, den alten Lehrer, Besserwisser und Erzsportler, dieses Wrack, endlich geschlagen und an seine lächerliche Gehhilfe geklammert zu sehen.

Aus einem geplanten Spaziergang wird eine Fahrt in die Vergangenheit, die auf dem verwaisten elterlichen Gehöft endet. Hier beginnt die Sprengung der inneren Verkarstung. Alles, was noch Leben war auf dem Hof, hat der Vater vor seinem Weggang ins Heim plattgemacht. Als Gert diesen zerstörerischen Akt als Sinnbild für das gesamte väterliche Verhalten erkennt, sprudelt lang Verdrängtes über, fest zementierte Meinungen, Vorurteile und Lebensentwürfe fliegen einander um die Ohren. Der Abschied naht. Am Ende werden zwei Leben buchstäblich am seidenen Faden hängen. Genauer, "am Seil."--Ravi Unger

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